Wir sind Helden

Betten Heller Göttingen Wir sind Helden

Wir sind Helden.

Der folgende Artikel über die Lokalen Helden von Sven Grünewald erschien am 07. September 2015 im Göttinger Tageblatt.

Mit Betten Heller, Holzland Hasselbach und Lünemann starten drei Traditionsunternehmen eine Imagekampagne für den lokalen Fachhandel. Ziel ist, dem Kunden bewusst zu machen, dass sein Kaufverhalten einen weitreichenden Einfluss hat. Denn an den Unternehmen der Region hängen ein vielfältiges Engagement, Wertschöpfung und Arbeits- sowie Ausbildungsplätze.

Göttingen. Etwa 40 000 Euro investieren die drei Traditionsunternehmen Betten Heller, Holzland Hasselbach und Lünemann in eine Kampagne, um für den lokalen Fachhandel zu werben. Von September bis Ende November läuft die Imagekampagne, die Kunden zum Nachdenken bringen soll.

Der Onlinehandel ist die große Herausforderung für die lokalen Händler. Und nach wie vor fehlt die Patentlösung, wie man sich gegenüber den Netzriesen wie Amazon behaupten kann. Online gibt es alles – außer Beratung und Qualitätssicherheit, es lässt sich bequem bestellen, es entstehen Preisvorteile durch günstigere Vertriebsstrukturen. Der Anpassungsdruck hat das lokale Geschäft bereits stark verändert, aber letztlich hängt es auch an der Einsicht beim Kunden, dass seine Kaufentscheidungen Konsequenzen haben, mittelbar und Stück für Stück.

„Vieles, was wir als regionale Händler nebenher machen, nimmt der Bürger als selbstverständlich wahr“, sagt Torsten Sure, Geschäftsführer von Lünemann. „Gerade erst haben wir wieder eine Mädchenmannschaft für 1000 Euro mit Trainingsmaterialien ausgestattet.“ Als Sponsoren sind die Fachhändler immer gerne gesehen, sei es für Kultur oder Sport. Die „Großen“ engagieren sich so gut wie gar nicht lokal. „Ich habe vor Jahren in einer Zeitschrift einmal einen Artikel über Onlinehandel versus Fachhandel gesehen, darin wurden in einer florierenden Einkaufsmeile alle Einzelhändler schwarz gemacht“, so Sure. „Seitdem verfolgt mich die Frage, was theoretisch passiert, wenn alle nur noch online kaufen würden.“

Schließlich traf sich Sure mit Birgitt Witter-Wirsam von Holzland Hasselbach aus Rosdorf und überlegte, wie man das Thema aufgreifen könne. Susanne Heller von Betten Heller stieß als Dritte später noch dazu. Alle drei Unternehmen zusammengenommen bringen es auf 540 Jahre Geschäftstätigkeit in der Region. Gemeinsam wollten sie eine Kampagne starten und machten Nägel mit Köpfen – aus anderen Richtungen, etwa vom Einzelhandelsverband, tut sich indessen nichts. Aber nicht gegen „Online“ soll es gehen, sondern für ein Käuferbewusstsein.

„Das Kundenbewusstsein steht im Kern der ganzen Kampagne“, beschreibt Peter Pawlowski, Geschäftsführer der Rosdorfer Marketingagentur P.O.S. Kresin Design, welche die Kampagne entwickelt hat. „Der Mensch hat in den letzten zehn Jahren gelernt, wie Onlinehandel geht. Das haben wir für sexy befunden. Jetzt, denke ich, kommt die nächste Stufe des Lernens, nämlich welche Konsequenzen mein Handeln im Endeffekt hat.“ Und die wesentliche Konsequenz ist, so Pawlowski, dass Kapital aus der Region abfließt.

Dabei sind etwa die drei Fachhändler alles andere als träge: Lünemann arbeite an einem Relaunch seines Webshops und schule seine Mitarbeiter fachlich sehr intensiv, so Sure, weil die Beratungsansprüche gestiegen sind. Und inmitten der Verkaufsflächen ist eine Lounge entstanden, in der es Kaffee und iPads für weitere Informationen gibt. Auch Betten Heller setzt beispielsweise auf das iPad, mit dem der Kunde im Laden das Gesamtangebot der Großhändler durchforsten kann. Auch hier stellt man fest, dass die Kunden deutlich besser vorinformiert kommen. Lünemann und Holzland Hasselbach haben zudem den Bereich Dienstleistungen nach dem Verkauf erweitert – Garagentore werden da gleich mit eingebaut oder das Echtholz-Parkett verlegt.

Die Kampagne, die auch eine Bonusaktion beim Kauf in den drei Geschäften umfasst, läuft zunächst bis Ende November. Dann will man Bilanz ziehen. „Wir gehen davon aus, dass sich auch noch andere Mittelständler aus der Region vom Ansatz überzeugen lassen, dass es nur gemeinsam geht“, sagt Birgitt Witter-Wirsam. Als Fernziel hat man eine sehr weitreichende Vision vor Augen. Ähnlich wie schon in Wuppertal geschehen kann man sich ein regionales Einkaufsportal vorstellen, indem alle Einzelhändler zusammengeschlossen sind. Der Kunde bestellt hier online, der Einzelhändler liefert idealerweise noch am selben Tag. „Das ist unser Vorteil: die regionale Nähe und die sofortige Verfügbarkeit“, sagt Peter Pawlowski. „Wir müssen besser werden als Amazon, dann haben wir alle auch Chancen gegenüber Amazon.“ Ein langer Atem ist da gefragt. Und es gehört Mut dazu, so eine Kampagne überhaupt und nur zu dritt zu starten. Das weiß auch Torsten Sure. „Klar, da ist Pioniergeist dabei.“